Eine gute Idee für die Gesellschaft zu haben, ist das eine. Die Menschen und Organisationen zu finden, die sie langfristig mittragen, das andere. Genau mit dieser Verbindung beschäftigt sich Gisela seit vielen Jahren. Als Diplom-Sozialarbeiterin und Fundraising-Managerin arbeitet sie seit 1999 im gemeinnützigen Bereich und sammelte früh Erfahrungen in Fundraising und Fördermittelakquise. 2016 wechselte sie in die herstellerneutrale Beratung zur Auswahl und Einführung von Fundraising- und CRM-Systemen. Ein Jahr später gründete sie gemeinsam mit einer Kollegin die gemeinnützige Cloud und Rüben gGmbH, um die Digitalisierung im gemeinnützigen Sektor voranzubringen. Seit 2023 arbeitet Gisela wieder allein und hat ihre Beratung gezielt auf eine bestimmte Gruppe gemeinnütziger Organisationen zugeschnitten. Im Interview erzählt sie, wie sich ihr beruflicher Weg entwickelt hat und was ihr bei der Beratung gemeinnütziger Organisationen besonders wichtig ist.
Was ist Deine Geschäftsidee, wie bist Du darauf gekommen und wann bist Du gestartet?
Ich helfe gemeinnützigen Organisationen dabei, die passende Fundraising-Datenbank zu finden und einzuführen. Die Idee dazu ist im Grunde schon 2003 entstanden – auch wenn ich das damals natürlich noch nicht wusste. In meiner ersten Fundraising-Stelle stand ziemlich schnell die Erkenntnis im Raum: Wir brauchen eine Datenbank. Aber welche eigentlich? Ich habe damals versucht, mir selbst einen Überblick über den Markt zu verschaffen, und hätte jemanden gut gebrauchen können, der mir nicht ein bestimmtes System verkaufen will, sondern dabei hilft, herauszufinden, welches zu uns passt.
Danach hat mich das Thema eher verfolgt, als dass ich es mir ausgesucht hätte. 2009 habe ich erstmals als selbstständige Fundraising-Beraterin einen Verein längerfristig bei der Auswahl und Einführung einer Fundraising-Datenbank begleitet, 2011 folgte die nächste Organisation. 2016 bin ich dann ganz in die herstellerneutrale Beratung zu Fundraising-Datenbanken gewechselt.
Seit 2023 arbeite ich mit meinem eigenen Beratungskonzept. Und dafür musste ich selbst erst etwas lernen: Ich komme aus der Bildungsarbeit und wollte meinen Kund*innen lange möglichst viel erklären, damit sie anschließend selbst fundiert entscheiden können. Irgendwann habe ich aber verstanden: Die wollen gar keinen Abschluss in Datenbankologie. Sie wollen genug verstehen, um eine gute Entscheidung treffen zu können – aber vor allem wollen sie eine Lösung.
Darauf ist meine Beratung heute ausgerichtet: Komplexität reduzieren, schnell Orientierung schaffen und nur so viel erklären wie nötig, damit die Entscheidung nachvollziehbar und tragfähig ist.
Was genau bietest Du wem an?
Ich berate gemeinnützige Organisationen, also Vereine, Stiftungen, gGmbHs oder Wohlfahrtsverbände, herstellerneutral bei der Auswahl und Einführung von CRM- und Fundraising-Datenbanken. Das sind Software-Systeme, in denen sie zum Beispiel Spender*innen und andere Kontakte verwalten, Spenden verbuchen und quittieren, Kommunikation dokumentieren und Fundraising-Aktivitäten planen. Software selbst biete ich nicht an.
Meine Kund*innen sind häufig Organisationen, die gerade einen Entwicklungsschritt gemacht haben: Sie haben ihr Fundraising professionalisiert und zum Beispiel erstmals eine Fundraiserin oder einen Fundraiser eingestellt. Und diese Person stellt fest: Die Datenverwaltung muss mitwachsen. Excel ist zu zweidimensional, man erinnert sich nicht mehr, wem man was alles zugesagt hat, passende Verteiler zu erstellen dauert ewig und die Anzahl der Klebezettel, die irgendwann vertrocknet vom Monitorrand fallen, ist erdrückend.
Häufig startet Fundraising mit dem, was schon da ist: Excel-Tabellen, einem kleinen Vereinsverwaltungsprogramm oder einer selbst programmierten Access-Datenbank von Anno Tuck. Das stößt früher oder später an Grenzen. Und dann trifft man auf einen Markt mit einer kaum überschaubaren Zahl von Systemen.
Dann helfe ich dabei, herauszufinden, was die Organisation tatsächlich braucht, welche Systeme dafür infrage kommen, mit welchen Kosten und Aufwänden sie rechnen muss und wie sie zu einer guten Entscheidung kommt.
Das kann von einer kompakten Orientierung bis zur Begleitung eines kompletten Auswahl- und Einführungsprozesses reichen.
Daneben bin ich auch im Rahmen öffentlich finanzierter Beratungsprogramme tätig und bewerbe mich auf Ausschreibungen. So berate ich zum Beispiel für die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt zu Fundraising und Fördermitteln und bin als INQA-Coach autorisiert.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Dir aus?
Einen wirklich typischen Arbeitstag gibt es kaum. Meist wechseln sich Gespräche ab, in denen ich Organisationen via Zoom kennenlerne oder berate. Dann mache ich viel Recherche und konzeptionelle Arbeit im Hintergrund. Dazu kommt die Arbeit an meiner eigenen Sichtbarkeit und der regelmäßige Austausch mit Kolleg*innen und Anbietern von Fundraising-Systemen. Gerade mein kollegiales Netzwerk schätze ich sehr.
Außerdem gehört auch der ganze weniger glamouröse Teil der Selbstständigkeit dazu: Buchhaltung, Angebote und Rechnungen schreiben, Finanzen im Blick behalten, Steuerkram, Versicherungen – und all die Dinge, die man sich vornimmt, „irgendwann diesen Monat“ zu erledigen.
Und natürlich gibt es E‑Mails. Meist mehr, als ich am Ende des Tages wuppen kann. Ich bin gerne in Beziehung mit Menschen und kann ausgesprochen lange plaudern. Gleichzeitig ist meine Zeit begrenzt. Deshalb muss ich ziemlich bewusst entscheiden, wo ich sie investiere.
Etwa zehnmal im Jahr bin ich zudem unterwegs, um auf Kongressen und anderen Fachveranstaltungen zu sprechen. Weitere Vorträge, Workshops und Seminare gebe ich online.
Was war bisher Dein spannendster Auftrag oder Dein spannendstes Projekt?
Einen einzelnen spannendsten Auftrag könnte ich gar nicht benennen. Ich mag besonders die Projekte, bei denen ich mich erst einmal richtig in eine Organisation, ihre Arbeitsweise und ihre Anforderungen hineindenken muss und irgendwann der Moment kommt, an dem sich die Puzzleteile zusammenfügen. Und es gab durchaus ein paar Fangirl-Momente, wenn plötzlich eine Organisation vor mir saß, deren Arbeit ich schon lange kannte und schätzte.
Noch schöner finde ich aber die Momente, in denen ich später erfahre, welche Saat aufgegangen ist. Ein Verein meldete sich zum Beispiel ungefähr ein Jahr nach einer Fördermittelberatung wieder bei mir: Eine Idee aus unserer Beratung war umgesetzt worden und der Verein hatte einen Preis samt Fördergeld gewonnen. Zur Preisverleihung wurde ich dann auch eingeladen.
Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich trotz meines eher technischen Themas während einer Beratung so selbstverständlich zum erweiterten Team gehöre, dass später eine Einladung zum Jubiläum oder zum Teamevent kommt – mit einem „Wir würden uns so freuen, wenn Du dabei wärst“. Und das bei Organisationen, mit denen ich teilweise ausschließlich digital gearbeitet habe.
Was waren bisher die größten Herausforderungen für Dich in der Selbstständigkeit?
Eine Herausforderung war für mich die Insolvenz eines Kunden. Wirtschaftlich war das zum Glück kein existenzielles Problem, aber sie hat trotzdem etwas mit meinem Vertrauen und meinen Abläufen gemacht. Plötzlich denkt man über Dinge wie Zahlungsziele, offene Forderungen und Absicherung anders nach. Und fragt sich, ob man naiv war, weil man ziemlich selbstverständlich Extra-Meilen mitgeht, wenn ein Kunde gerade echt in der Klemme steckt, und wie viel Misstrauen man aus einer solchen Erfahrung eigentlich in die nächsten Kundenbeziehungen mitnehmen will.
Eine ganz andere Herausforderung ist für mich, meine eigene Neugier im Zaum zu halten. Ich kann mich wunderbar tief in ein Thema eingraben und meistens würde ich auch gerne noch den nächsten Artikel lesen, noch ein System anschauen und noch eine Ebene tiefer gehen. Im muckelig-warmen Angestelltenverhältnis konnte ich mir solche Recherchezeit sehr viel selbstverständlicher nehmen. In der Selbstständigkeit muss ich unterscheiden: Was brauche ich, um meine Arbeit wirklich gut zu machen, und was möchte ich einfach selbst noch genauer wissen? Letzteres darf, wenn es niemand bezahlt, erst einmal nur Priorität B haben. Das weiß ich inzwischen. Mich daran zu halten, gelingt mir unterschiedlich gut.
Und ich war nicht darauf vorbereitet, wie viel Zeit man mit Dingen verbringen kann, die mit der eigentlichen Arbeit überhaupt nichts zu tun haben. Allein die Suche nach einer Steuerberatung, die Solo-Selbstständige übernimmt und mit meiner Buchhaltungssoftware arbeiten kann, war über zwei Jahre hinweg ein eigenes Projekt. Dabei habe ich auch gelernt, dass man als Solo-Selbstständige durchaus mit Vorurteilen darüber konfrontiert wird, wie professionell oder organisiert man wohl sein kann. Spoiler: Ich mache das jetzt allein.
Inwiefern war die Beratung der .garage hilfreich?
Ohne Frederic hätte ich beim Gründungszuschuss vermutlich deutlich mehr graue Haare bekommen. Seine Führung durch den Prozess, seine Systematik und seine Antworten auf spontane Fragen haben mir wirklich Zeit und Nerven gespart. Und als es nötig wurde, hat er mich darin bestärkt, Widerspruch einzulegen – erfolgreich.
Was sind die wichtigsten (Software-)Tools (inkl. KI) für Deine Arbeit?
Bei mir hat die Frage zwei Ebenen: Software ist einerseits mein Werkzeug – und andererseits mein Arbeitsgegenstand.
Für meine eigene Arbeit benötige ich vor allem die ziemlich unspektakulären Klassiker: Microsoft Office, Zoom, Lexware, WordPress und generative KI – und eigentlich jedes Tool, mit dem ich Sprachnachrichten verschicken kann.
Und dann gibt es natürlich die Software, um die sich meine Arbeit dreht: Fundraising- und CRM-Systeme. Die sind für mich weniger Werkzeug als Forschungsgegenstand. Ich schaue mir immer wieder neue Systeme an, lasse mir Funktionen zeigen, teste, frage nach und versuche zu verstehen, was ein System kann – und mindestens genauso wichtig: was nicht.
Was sind Deine aktuellen Pläne und was wünschst Du Dir für die Zukunft?
Mein Ziel ist, dass jede gemeinnützige Organisation, die vor der Einführung ihres ersten Fundraising-Systems steht, weiß, dass es meine Art der Beratung gibt. Sie muss sich nicht für eine Beratung bei mir entscheiden, aber sie soll wissen, dass es diese Möglichkeit gibt.
Gleichzeitig arbeite ich daran, mein Portfolio auf beiden Seiten zu ergänzen: mit Angeboten für Organisationen, die mit weniger individueller Beratung gut weiterkommen, und mit Angeboten für diejenigen, die eine intensivere Begleitung benötigen.
Eine fertige Spur, der ich dabei folgen könnte, gibt es allerdings nicht. Mein Beratungskonzept ist ziemlich speziell. Das ist cool und bedeutet gleichzeitig, dass ich selbst herausfinden muss, was daraus unternehmerisch noch werden kann.
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich von dieser nischigen Arbeit dauerhaft gut leben kann, fachlich neugierig bleibe und mir die Freiheit erhalte, selbst zu entscheiden, mit wem und woran ich arbeite. Und dass mir meine Arbeit weiterhin so viel Freude macht wie jetzt.
Was ist für Dich das Schönste an Deinem Job?
Das Schönste ist für mich die Mischung: Ich kann in ein Thema richtig tief eintauchen und immer besser darin werden, etwas so Komplexes wie Datenbanken verständlich zu machen. Besonders mag ich die Momente, wenn mir plötzlich ein treffender Vergleich einfällt oder eine Idee für eine Arbeitshilfe, die meinen Kund*innen den Zugang zum Thema erleichtert. Noch klarer, noch greifbarer, noch verständlicher.
Gleichzeitig bekomme ich Einblick in unglaublich viele gesellschaftlich relevante Themen und darf ein kleines Stück dazu beitragen, dass die Organisationen dahinter ihre Arbeit gut machen können.
Dabei lerne ich meist großartige, gesellschaftlich engagierte Menschen kennen, mit denen ich eine Zeit lang zusammenarbeite. Heute geht es um Umweltschutz oder queere Gesundheit, morgen um Kultur oder diakonische Arbeit. Das empfinde ich als großes Privileg.
Und ich schätze die Freiheit der Selbstständigkeit sehr. Ich kann entscheiden, wie ich meine Zeit nutze, Dinge ausprobieren und auch meinem Gestern-Ich widersprechen, wenn ich heute mehr weiß, ohne mich dafür zu erklären. Hierarchien waren allerdings auch noch nie meine große Stärke.
Ach, ich habe einfach richtig Freude an meiner Arbeit. Sie verbindet für mich fachliche Tiefe mit Freiheit, Sinn und Einblicken in ganz unterschiedliche Lebenswelten.
Was möchtest Du anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?
Mein größtes Learning ist wahrscheinlich: Es reicht nicht, nur fachlich richtig gut zu sein. Eine Idee kann super sinnvoll sein, Deine Arbeit kann hervorragend sein und trotzdem muss am Ende auch das Geschäftsmodell tragen.
Gerade wenn man für ein Thema brennt, halte ich es für wichtig, immer wieder zu prüfen: Ist das nur eine großartige Idee oder lässt die sich auch in eine gute unternehmerische Entscheidung übertragen? Nicht alles, was wichtig und sinnvoll wäre, lässt sich im eigenen Unternehmen umsetzen.
Das merke ich auch an meiner eigenen Positionierung: Ich arbeite in einer nischig-nischigen Nische: gemeinnützige Organisationen – darin Fundraising – und darin wiederum Datenbanken. Das sorgt für eine sehr klare Positionierung – hat unternehmerisch aber auch seine Tücken. Eine Organisation braucht meine Kernleistung vielleicht einmal in zehn Jahren, möglicherweise sogar nur einmal überhaupt. Ich brauche also ziemlich zuverlässig immer wieder neue Kund*innen, die genau in diesem Moment vor einer Datenbankentscheidung stehen. Ob eine so spitze und zeitlich punktuelle Nische dauerhaft trägt, finde ich selbst noch heraus.
Und ich habe gelernt, wie wichtig ehrliche Kommunikation ist – auch und gerade über Dinge, bei denen man eigentlich glaubt, dass sowieso alle dasselbe meinen, und dann, wenn es ungemütlich wird.
Außerdem würde ich Gründer*innen raten, sich ein gutes Netzwerk aufzubauen. Solo-selbstständig zu sein heißt nicht, alles allein machen zu müssen. Man muss nicht alles selbst können. Man sollte wissen, was zum eigenen Kerngeschäft gehört, und für den Rest Menschen kennen, die es besser können.
Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!
Gisela Bhatti ist auch hier zu finden:
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- Website: datenbank-lotse.de
- LinkedIn: Gisela Bhatti
