Ein Startup mitgründen, die Übernahme miterleben und danach den Schritt in die eigene Selbstständigkeit gehen: Agnes’ beruflicher Weg bis zu ihrer Gründung im September 2025 ist alles andere als gewöhnlich und hält einige spannende Stationen bereit. Eine Konstante blieb dabei jedoch immer: die enge Verbindung von Musik und Technologie. Nach ihrem Studium der Systematischen Musikwissenschaft und Informatik arbeitete sie viele Jahre im Produktmanagement bei PHONONET. 2019 gründete sie musicube mit, ein Startup für KI-gestützte Musik-Metadaten, das 2022 von Songtradr übernommen wurde. Anschließend war sie dort als Senior Director AI & Search tätig. Heute arbeitet Agnes als unabhängige Beraterin und Fractional Executive für KI, Musiktech und Innovationsstrategie und begleitet Musikunternehmen, Startups und Verbände bei der sinnvollen Integration von KI in ihre Prozesse. Im Interview erzählt sie unter anderem, wie sie auf ihre aktuelle Geschäftsidee gekommen ist und was ihre Pläne für die Zukunft sind.
Was ist Deine Geschäftsidee, wie bist Du darauf gekommen und wann bist Du gestartet?
Nach dem Exit von musicube 2022 wollte ich mein Wissen über KI und Musikinfrastruktur nicht nur in einem Unternehmen einsetzen, sondern breiter für die Branche nutzbar machen. Daraus ist meine Tätigkeit als unabhängige Beraterin entstanden: Ich unterstütze Musikunternehmen bei KI- und Prozessinnovation, berate Startups und bringe mein Wissen in Jurys, Panels und Weiterbildungsprogramme ein.
Was genau bietest Du wem an?
Ich richte mich an zwei Gruppen: Zum einen an etablierte Musikunternehmen, die KI und neue Prozesse in ihren Arbeitsalltag integrieren wollen. Hier biete ich Bedarfsanalysen, Workshops und Begleitung bei der Umsetzung an, aktuell z. B. im Programm „KI & Prozessinnovation im Musikunternehmen“ für den Hamburg Music Business e.V.
Zum anderen arbeite ich mit Musiktech-Startups zusammen, etwa als Head of Marketing bei NOVER Audio Services, im Projektmanagement für IKONPHON und in weiteren Beratungstätigkeiten für andere Unternehmen und Startups.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Dir aus?
Mein Alltag ist sehr durchmischt, weil ich mehrere Engagements parallel betreue: Ein Tag kann mit Workshop-Vorbereitung für ein Musikunternehmen beginnen, danach folgt ein Strategie-Call zu einem Startup-Projekt, dazwischen Konzeptarbeit für neue Projekte oder Vorbereitung für eine Speaker-Tätigkeit. Vieles läuft remote, ergänzt durch Vor-Ort-Termine, zum Beispiel bei einem Kaffee, um mein Netzwerk zu vertiefen und auszubauen.
Was war bisher Dein spannendster Auftrag oder Dein spannendstes Projekt?
Spannend finde ich die Unterschiedlichkeit der Projekte, sei es, die Marketingstrategie für ein Startup wie NOVER aufzubauen oder die Automatisierung in einem weiteren Projekt an den Start zu bringen. Besonders spannend finde ich aber auch die Jurytätigkeit bei Music WorX, Europas Musiktech-Inkubator, bei dem ich zehn Startups bewerten durfte. Das gibt einen unglaublich guten Überblick über die aktuelle Innovationslandschaft. Genauso bereichernd war die Mitgestaltung des Weiterbildungsprogramms „KI & Prozessinnovation im Musikunternehmen“, weil ich dort sehen kann, wie Unternehmen ganz konkret Schritt für Schritt KI-Kompetenz aufbauen. Und ich finde es großartig, zu erleben, was durch mein Netzwerk entsteht, mich mit Menschen auszutauschen und neue Ideen zu entwickeln.
Was waren bisher die größten Herausforderungen für Dich in der Selbstständigkeit?
Die größte Herausforderung ist sicher, mehrere parallele Engagements sauber zu priorisieren und trotzdem für jedes Projekt die nötige Tiefe zu liefern, gerade wenn sich bei einem Partner die Rahmenbedingungen kurzfristig ändern. Auch Vertragsverhandlungen, etwa bei einer möglichen Co-Founder-Rolle, haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich rechtlich gut abzusichern und nicht vorschnell zu unterschreiben.
Inwiefern war die Beratung der .garage hilfreich?
Besonders geholfen hat mir die Unterstützung bei der Beantragung des Gründungszuschusses der Agentur für Arbeit, mit all seinen Hürden und Fragen, die aufkommen. Diese finanzielle Absicherung in der Startphase hat mir den nötigen Freiraum gegeben, meine Idee der Selbstständigkeit in Ruhe aufzubauen, statt von Anfang an unter wirtschaftlichem Druck Kompromisse eingehen zu müssen.
Was sind die wichtigsten (Software-)Tools (inkl. KI) für Deine Arbeit?
Ich nutze KI-Tools wie Claude und Perplexity durchgängig – von der Recherche bis hin zu strukturierten Analyse-Workflows, die ich selbst für Fact-Checking und Konzeptentwicklung aufgebaut habe. Für die Zusammenarbeit mit Kund*innen und Startups kommen außerdem klassische Projekt- und Kommunikationstools zum Einsatz, sei es Slack oder Airtable.
Was sind Deine aktuellen Pläne und was wünschst Du Dir für die Zukunft?
Aktuell liegt mein Fokus auf den Startups, die ich begleite, sowie auf der Mitgründung einer neuen Idee im Bereich der Musikwirtschaft. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Musikunternehmen KI nicht als Bedrohung, sondern als Werkzeug für bessere, faire Infrastruktur begreifen – das ist auch die These, die ich in meinen Panels vertrete: Das nächste große Ding im Musikbusiness ist keine KI, sondern die Infrastruktur dahinter.
Was ist für Dich das Schönste an Deinem Job?
Die Vielfalt: Ich bin an einem Tag tief in technischer Metadaten- oder Prozessarbeit, am nächsten auf der Bühne bei TEDx oder Reeperbahn Festival, dann wieder in einer Jury oder im Coaching-Gespräch mit einem Unternehmen. Diese Kombination aus strategischer Tiefe und breitem Branchenkontakt macht mir am meisten Spaß.
Was möchtest Du anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?
Zuversichtlich bleiben, auch wenn nicht jeder Schritt sofort aufgeht, und das eigene Netzwerk aktiv pflegen, denn viele der besten Möglichkeiten entstehen aus persönlichem Austausch. Genauso wichtig: bewusst Pausen einplanen, statt sich ständig zu verausgaben. Reisen, den Kopf freibekommen, und vor allem lernen, auch mal Nein zu Projekten zu sagen, die nicht wirklich passen.
Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!
Agnes Chung ist auch hier zu finden:
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